Die Auftaktveranstaltung des Projektes Aktiv Teilhabe gestalten des Kasseler Verein zur Förderung der Autonomie Behinderter (fab) brachte am 23. Januar 2026 eine Reihe behindertenpolitischer Akteur*innen und vor allem in der Selbstvertretung behinderter Menschen Aktive zusammen. Damit hat das neue, von der Aktion Mensch geförderte, Projekt bereits ein wichtiges Ziel angepackt. Nämlich die Vernetzung von lokalen Akteur*innen, die sich für Inklusion, Selbstbestimmung und Teilhabe stark machen. In einer Talkrunde kamen sieben Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen zu Wort, die in Kassel bereits einiges bewegt haben und noch viel mehr vor haben.
„Gerade in einer Zeit großer politischer und gesellschaftlicher Herausforderungen braucht es starke Stimmen, die sich einmischen. Wir unterstützen dich dabei, aktiv zu werden und dich für die Rechte und Anliegen von uns Menschen mit Beeinträchtigungen in unserer Region einzusetzen. Gemeinsam können wir etwas verändern – für mehr Teilhabe, Selbstbestimmung und Solidarität in Kassel und Umgebung. Bei uns bekommst du Wissen, Kontakte und praktische Werkzeuge, um deine Ideen rund um Inklusion und Teilhabe von Menschen mit Beeinträchtigungen umzusetzen“, heißt es auf der Internetseite des Projekts Aktiv Teilhabe gestalten.
Link zur Internetseite des Projekts
Mit dem neuen von Mandy Müller und Birgit Schopmans geleiteten Projekt kann der Kasseler Verein zur Förderung der Autonomie also nicht nur die Vernetzung von behindertenpolitisch Aktiven in Kassel vorantreiben. Es bietet auch die Möglichkeit, behinderte Menschen bzw. Gruppen gezielt bei der Umsetzung ihrer Forderungen und Ziele zu unterstützen und zu beraten. Denn Engagement mit Erfolg will gut geplant und begleitet werden. So findet im März ein erstes Aktivtreffen von behinderten Menschen statt, die etwas bewegen und im Sinne der Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention vorantreiben wollen. Schulungen sind ebenfalls geplant.
Die Durchführung von Veranstaltungen, die den Austausch und Diskussionen ermöglichen sowie Wissen zu behindertenpolitischen Themen verbreiten, ist ein anderer Projektschwerpunkt. In diesem Zusammenhang fand bereits am 14. Januar 2026 eine Lesung im Dunkeln aus dem Roman „Ich will raus: von der Exklusion zur Inklusion“ von Ottmar Miles-Paul und Sabine Lohner in den Räumen des fab statt. Für den 9. Februar um 19:00 Uhr ist eine Veranstaltung mit dem Titel „Rechter Gegenwind behindert Teilhabe“ in Zusammenarbeit mit der Kasseler Regionalgruppe Krüppel gegen Rechts in den Räumen des fab in der Samuel-Beckett-Anlage 6 in 34119 Kassel geplant.
Dass sich behindertenpolitisches Engagement lohnt, das wurde bei der Veranstaltung deutlich. Birgit Schopmans und Ottmar Miles-Paul erinnerten in ihrer Anmoderation einer Talkrunde mit Stimmen von Selbstvertreter*innen daran, dass es in den 80er Jahren, als sie in Kassel mit einigen wenigen anderen begannen, sich behindertenpolitisch zu engagieren, kaum Angebote für ein behindertenpolitische Engagement gab. Die Straßenbahnen und Busse hatten damals alle Stufen, akustische Ampeln für bline Menschen hatten Seltenheitswert, Bordsteine waren hoch und Barrierefreiheit war für viele ein Fremdwort. Für behinderte Menschen gab es damals meist nur die Wahl im Elternhaus zu wohnen oder in ein Heim zu gehen. Das vielfältige Unterstützungsangebot des fab von der Beratung, über das unterstützte Wohnen, bis zum Assistenzdienst und einer regen Interessenvertretung wurde erst in den nächsten Jahren Schritt für Schritt und zum Teil sehr mühsam und gegen viele Widerstände aufgebaut.
Nach der Begrüßung durch die Kasseler Behindertenbeauftragte Susanne Berg und die Geschäftsführerin des fab Stella Ortac schilderte in der Talkrunde Kilian Paudner vom Orgateam der Disability-Pride-Demos in Kassel, wie diese Idee entstanden ist und dass die zwei Disability Pride Demos auf so gute Resonanz gestoßen sind, dass es auch 2026 eine Disability Pride in Kassel geben soll. Petra Willich vom Kasseler Bündnis Barrierefrei machte deutlich, wie wichtig gute Bündnispartner sind. So ist es dem Bündnis gelungen, so manche Veränderung für mehr Barrierefreiheit voranzutreiben. Am Europäischen Protesttag zur Gleichstellung behinderter Menschen am 5. Mai hat das Bündnis schon mehrfach Flagge gezeigt und das Thema Barrierefreiheit auf die Tagesordnung gesetzt. So ist auch eine Ausstellung zur Barrierefreiheit entstanden, die die rollstuhlnutzende Architektin Arianne Kipp kurz vorstellte.
Carola Hiedl, die seit einigen Jahren Vorsitzende des Behindertenbeirats der Stadt Kassel ist, schilderte ihren Weg in die Kasseler Behindertenpolitik. Als sie vor vielen Jahren als Rollstuhlnutzerin eine Wohnung suchte, erkannte sie nicht nur die Defizite in diesem Bereich, sondern begann sich auch für Veränderungen einzusetzen. So kam sie zum Behindertenbeirat, in dem sie sich trotz höheren Alters immer noch auf vielfältige Weise engagiert. Sie rief dazu auf, dass sich bei der anstehenden Neuwahl viele engagierte behinderte Menschen zur Wahl stellen sollten. Dr. Andreas Jürgens ist ebenfalls ein erfahrener Hase in Sachen Behindertenpolitik, Für die im März stattfindende Kommunalwahl tritt der Rollstuhlnutzer an und hofft, den Einzug in die Kasseler Stadtverordnetenversamlung für die Grünen zu schaffen. Er schilderte die Entstehung und die Ziele der Kasseler Gruppe von Krüppel gegen rechts und wies auf die Notwendigkeit des verstärkten demokratischen Engagements hin.
Timo Kupke vom Autonomen Referat für barrierefreies Studieren (ARbS) an der Universität Kassel schilderte die Aktivitäten im studentischen Bereich. Wichtig ist hier der Austausch behinderter Studierender sowie eine gute Beratung. Aktive behinderte Menschen, die in Kassel studiert haben, prägten immer wieder die behindertenpolitische Weiterentwicklung in Kassel. Kevin Hoffmann beschrieb als Initiator der „Kämpferherzentreffen“, die jährlich in der Kasseler Stadthalle stattfinden, wie schnell eine Bewegung wachsen kann. Betroffen von Multiple Sklerose suchte er den Kontakt zu anderen Betroffenen. Die Idee eines „Kämpferherzen-Treffens“ stieß auf so großes Interesse, dass die Veranstaltung mittlerweile riesigen Zulauf hat.
Per Busch machte in der Talkrunde deutlich, dass man auch als Einzelperson einiges erreichen kann. Er fungiert als Ideengeber und Initiator regionaler Projekte. Mit seinem Engagement für den Erhalt eines für blinde Menschen barrierefreien Wanderwegs im Wald lernte er die Herausforderungen und Tricks des politischen Engagements kennen, von der Petition über viele Gespräche mit Politiker*innen bis zu einer engagierten Medienarbeit. Derzeit beschäftigt ihn die Frage, wie man in Zeiten der Vereinsamung wieder mehr körperlichen Kontakt wie beispielsweise bei Kuscheltreffen bekommen kann.
Für Mandy Müller und Birgit Schopmans als Leiter*innen des Projektes Aktiv Teilhabe gestalten bot die Auftaktveranstaltung kräftigen Rückenwind für das weitere Engagement. Es wurde deutlich, dass auch 40 Jahre nach der Gründung der Aktionsgruppe Behinderter in Kassel und des Verein zur Förderung der Autonomie Behinderter ein zweiter Frühling in der Kasseler Behindertenpolitik möglich ist. Dass dieses vom Engagement vieler einzelner Menschen abhängt, wurde bei der Veranstaltung allerdings auch deutlich.
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Link zu den Veranstaltungen des Kasseler Verein zur Förderung der Autonomie Behinderter (fab)
Quelle: kobinet-nachrichten 27.01.26
